Via Stellaris Octo-Rosa – Das Pilgern nach dem Pilgern
Die Erstbegehung von Santiago de Compostela nach Nazaré
Am 12. August 2026 um 20:29 Uhr brach ich auf der Praza do Obradoiro in Santiago de Compostela zur Erstbegehung der Via Stellaris Octo-Rosa auf. Den Zeitpunkt hatte ich bewusst mit der Sonnenfinsternis verbunden. Die geplante Route führte über rund 560 Kilometer nach Nazaré in Portugal.
Santiago war diesmal der Anfang. Nach mehr als 14.000 Kilometern zu Fuß beschäftigte mich zunehmend die Frage: Was machen andere Pilger nach dem Pilgern?
Ich hatte immer häufiger festgestellt, dass viele Pilger nach ihrem Camino den sogenannten Camino-Blues erleben. Der Weg ist zu Ende, aber was geschieht danach mit dem, was sie unterwegs erlebt und erfahren haben?
„Der Camino endet in Santiago. Dein Weg nicht.“ Aus dieser Beobachtung und diesem Gedanken entwickelte ich die Via Stellaris Octo-Rosa: das Pilgern nach dem Pilgern.
Diese Frage betrifft auch mich selbst. Auch nach vielen Wegen kenne ich alte Muster: funktionieren, durchhalten, mich unter Druck setzen. Die Kilometer allein haben sie nicht aufgelöst.
Die Via Stellaris nutzt vorhandene Wege und Infrastruktur, insbesondere Abschnitte portugiesischer Pilgerwege, teilweise entgegen der klassischen Pilgerrichtung. Ihre Eigenständigkeit liegt in der Ausrichtung von Santiago nach Nazaré und in den Themen, die den Weg begleiten. Der Fußweg ist die Bühne für den inneren Weg.
Ich hatte 21 Etappen und sieben Siegel vorgesehen. Diese Siegel sind mit Orten und Themen verbunden. Sie sollten Fragen öffnen, die auf dem anschließenden Weg wirken konnten. Dazu gehörten Berufung, Loslassen, Einheit, Weisheit und Struktur sowie das Annehmen und der bewusste Abschluss. Was ich dort tatsächlich erleben würde, war offen.
Die Sonnenfinsternis hatte für mich eine Bedeutung, die zu diesem Gedanken passte. Für einen kurzen Moment verschwindet das Licht. Danach steht die Kathedrale noch da, die Steine sind dieselben. Trotzdem kann sich die eigene Perspektive verändert haben. Die äußere Welt muss nicht anders geworden sein, damit ich sie anders wahrnehme.
Mit Vocatio, verbunden mit Santiago und Tui, begann die Frage nach dem bewussten Ja zum Weitergehen. Wofür gehe ich? „Pilgern nach dem Pilgern“ bedeutete für mich zunehmend, mich mit dem Menschen zu beschäftigen, der in Santiago angekommen war, und mit dem, was er aus seinen Erfahrungen machte.
Wetter und Unterkunftsprobleme beeinflussten den Verlauf. Wir mussten Pläne ändern und nutzten auch Busse und andere Verkehrsmittel. Die rund 560 Kilometer waren die geplante Route; bei dieser Erstbegehung wurde sie nicht vollständig zu Fuß zurückgelegt.
Ich stand da mit meinem Konzept, meiner Route und meiner Vorstellung davon, wie die erste Begehung zu laufen hatte. Und das Leben sagte: Nö.
Bei Purgatio, dem mit Ponte de Lima und dem Rio Lima verbundenen Thema der Klärung und des Loslassens, bekam das eine sehr praktische Bedeutung. Ich musste Erwartungen loslassen. Auch den Anspruch, dass die erste Begehung einem vorher entworfenen Ideal entsprechen sollte.
Durchhalten und kämpfen waren mir vertraut. Aber mein Körper war nicht der Gegner dieses Weges. Anpassung gehörte dazu. Das zu erkennen und entsprechend zu handeln, fiel nicht in jeder Situation gleich leicht.
In Porto und Gaia beschäftigte mich Unitas, die Einheit. Verschiedene Bereiche meines Lebens waren miteinander verbunden: das Pilgern, meine Bücher, die Arbeit mit Menschen, Charity-Hiker und PLAN-0. Gleichzeitig brauchten sie ihren eigenen Platz.
Einheit bedeutet nicht Einheitsbrei. Wie in einem Rucksack haben unterschiedliche Dinge unterschiedliche Funktionen. Ich musste unterscheiden, was zu mir gehörte, was zum Verein, was zu meiner beruflichen Arbeit und was einfach Erfahrung bleiben durfte. Auch eine neue Idee musste nicht sofort ein neues Projekt werden.
In Coimbra verdichtete sich mit Sapientia eine Erkenntnis, die für mich zu den wichtigsten dieses Weges gehört: Erlebnis ist nicht Erkenntnis. Und Erkenntnis ist noch keine Veränderung.
Ich kann lange gehen, intensive Begegnungen erleben und bewegt in Santiago ankommen. Monate später können trotzdem alte Muster wieder auftauchen. Das gilt auch für mich. Mehr als 14.000 Kilometer schützen mich nicht davor, etwas erzwingen zu wollen oder wieder zu viel von mir zu verlangen.
Kilometer machen noch keinen Weisen.
Die Frage war deshalb, was ich von meinen Erfahrungen bereits lebte. Hatte ich etwas verstanden, oder zeigte es sich auch darin, wie ich mit einer neuen Situation umging? Hier wurde das Pilgern nach dem Pilgern für mich konkreter.
Tomar und das Convento de Cristo waren mit Templum verbunden, dem Thema der Struktur und Zentrierung. Mich beschäftigte, was wesentlich war und was Raum bekommen sollte. Es gab viele Ideen und Möglichkeiten. Nicht alle mussten umgesetzt werden.
Ich kenne den Anspruch, funktionieren und alles gut machen zu wollen. Auch aus neuen Ideen konnte ich mir wieder ein System der Überforderung bauen. Struktur bedeutete für mich deshalb, Entscheidungen zu treffen und Dinge warten zu lassen. Nicht aus jeder Idee ein Projekt machen. Nicht jede Möglichkeit sofort nutzen.
In Fátima blieben Alix und ich drei Tage. Zweimal verlängerten wir unseren Aufenthalt. Es war eine echte Unterbrechung des Weitergehens.
Obwohl viele Menschen dort unterwegs waren, empfand ich eine besondere Ruhe. Für mich fühlte sich die ganze Stadt wie eine große Kirche an, als Ort der Begegnung. Es war Trubel, und trotzdem fühlte es sich an, als wäre alles im Frieden.
Dort konnten die Erfahrungen der vergangenen Tage ruhen. Frühere Themen waren weiterhin da. Loslassen war nicht abgeschlossen, nur weil wir Ponte de Lima hinter uns hatten. Situationen brachten es wieder hervor. Dabei konnte ich beobachten, wie weit ich etwas bereits verinnerlicht hatte und wo ich noch in alte Reaktionen zurückfiel.
„Das Schwert runternehmen“ wurde für mich zu einem Bild. Durchhalten, fallen, aufstehen und weitergehen hatten lange zu meinem Leben gehört. Diese Fähigkeiten konnten tragen. Aber ich musste nicht alles erkämpfen. Ich musste mir das Leben nicht mehr blutig verdienen.
Nach den drei Tagen verließen wir Fátima mit größerer Gelassenheit. Dann hatte Alix starke Knieschmerzen. Ein Stück konnten wir noch gehen. Schließlich nahmen wir einen Bus Richtung Nazaré.
Wieder traf unser Plan auf eine körperliche Grenze. Diesmal fiel die Entscheidung leichter. Wir bemerkten, dass wir tatsächlich gelassener reagierten. Für mich war darin etwas vom bisherigen Weg bereits im Verhalten angekommen.
In Nazaré ging es zunächst darum, die Unterkunft zu finden. Sie lag oben in Sítio. Wir fuhren deshalb direkt mit der Standseilbahn hinauf, richteten uns ein und gingen anschließend Richtung Kirche und Leuchtturm.
Ursprünglich hatte ich Sítio für einen gesonderten abschließenden Tag vorgesehen, als Ort für Rückblick und Perspektivwechsel. Tatsächlich gehörte es schon zu unserer Ankunft.
Bei der Kirche entstand zwischen uns eine Diskussion. Dort konnten wir zunächst die unmittelbare Spannung loslassen. Auf dem Weg zum Leuchtturm beschäftigte sich jeder mit der eigenen Perspektive. Die Aussprache fand am Leuchtturm statt.
Wir konnten beide für uns selbst einstehen, unsere Grenzen vertreten und trotzdem den anderen wahrnehmen. Es gelang uns, einen gemeinsamen Konsens zu finden. Die privaten Inhalte gehören nicht in diesen Bericht. Für mich war dieser Moment ein letzter Test, ob wir das unterwegs Erlebte und Erfahrene aufgenommen und daraus gelernt hatten – jeder für sich und wir gemeinsam.
Vom Leuchtturm aus sah ich denselben Atlantik auf zwei unterschiedliche Arten. Auf der einen Seite das vergleichsweise sanfte Meer am Badestrand, auf der anderen seine Gewaltigkeit. Dazwischen der Leuchtturm.
Ich verband dieses Bild mit unserer gerade erlebten Situation. Sanftheit und klare Grenzen konnten gleichzeitig bestehen. Nähe und das Einstehen für sich selbst ebenso. Für mich ging es darum, beides zu vereinen.
Wir gingen gemeinsam zum Aussichtspunkt bei der Kirche zurück. Dort liefen bereits die Vorbereitungen für die Fiesta am folgenden Tag zu Ehren der Dame von Nazaré.
In mir breitete sich eine innere Ruhe aus. Eine Gewissheit: Ich redete nicht nur über Veränderung. Ich hatte festgestellt, dass ich sie bereits lebte und in mir verankert hatte. Es waren Zufriedenheit, Ruhe und Glück.
Das innere Angekommensein war schon vorhanden. Es festigte sich oder wurde mir mit jedem einzelnen Moment bewusster. Nach meiner Wahrnehmung wurde es auch nach außen spürbar. Wir gingen zurück in die Unterkunft und bereiteten alles für den letzten Tag vor.
Diesen Tag begannen wir bewusst langsam. Die Abreise hatten wir auf 16:00 Uhr gelegt. Es war Zeit für ein bewusstes Verabschieden und Festigen.
Wir gingen zur Standseilbahn, die uns wieder den Berg hinunterbrachte, und anschließend besinnlich zum Strand. Am Rand, zu Füßen der Klippen, fanden wir eine ruhigere Stelle. Dort wollten wir den Abschluss mit dem Salz und der Weite des Meeres besiegeln.
Ungefähr zwei Stunden waren wir dort. Wir reflektierten die Tour und nahmen den Moment wahr, wie er war. Erst nach etwa einer Stunde bemerkten wir, dass der Ozean wieder mehr vom Strand einnahm. Wir mussten ein Stück zurückgehen, um keine nassen Füße zu bekommen.
Wir verbanden uns bewusst mit dem Meer. Ich stand mit Schuhen im Wasser, die Wellen erreichten mich immer wieder. Dann tauchte ich meine Hände bewusst hinein, ähnlich der symbolischen Wirkung des Händewaschens. Für mich bedeutete es Reinigung und das Loslassen alter, einschränkender Glaubenssätze. Zugleich war es die Besiegelung des Neuen.
Dort schlossen wir diese Tour bewusst ab.
Während der Erstbegehung hatte sich gezeigt, dass die Themen der Siegel über ihre jeweiligen Orte hinaus wirkten. Sie tauchten später erneut auf und verbanden sich miteinander. In Nazaré konnte ich vieles davon in einer konkreten Situation wiedererkennen.
Das ist meine Erfahrung der Via Stellaris Octo-Rosa. Was ein anderer Mensch auf diesem Weg erlebt und welche Bedeutung er darin findet, bleibt offen.